gMG-Patientin

Generalisierte Myasthenia
gravis (gMG)

Eine seltene neurologische Erkrankung

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Anwendungsbeschreibung

gmg

Was ist generalisierte Myasthenia gravis?

Die generalisierte Myasthenia gravis (gMG) ist eine seltene, chronische, neurologische Autoimmunerkrankung, die durch Antikörper gegen körpereigene Strukturen verursacht wird. Diese Erkrankung führt zu einer Schädigung von Geweben und Einschränkungen bei der Reizübertragung vom Nerv auf den Muskel, die sich als Muskelschwäche manifestiert. Die häufigste Ursache sind Antikörper, die sich gegen Acetylcholinrezeptoren richten. Diese können die Reizübertragung vom Nerv auf den Muskel auf unterschiedliche Arten stören:

  1. durch Blockade der Bindungsstelle für das Acetylcholin
  2. durch Vernetzung von zwei Rezeptoren, was zum Abbau von diesen führt
  3. durch die Aktivierung des Komplementsystems.

Die gMG zählt daher sowohl zu den Autoimmun- als auch zu den Komplementerkrankungen und ist heutzutage gut behandelbar. Neben der verbesserten Diagnostik ist dies auch auf den Einsatz von unterschiedlich wirkenden Medikamenten zurückzuführen. Allerdings gibt es eine kleine Gruppe von Patienten (10-15 %), die auf die Therapien nicht oder nicht ausreichend gut ansprechen oder die aufgrund von starken Nebenwirkungen mit bestimmten Präparaten nicht behandelt werden können. Diese Patienten zeigen trotz Therapie weiterhin zum Teil schwerwiegende Symptome. Das bezeichnet man als refraktäre Myasthenia gravis. Die Erkrankung ist nicht ansteckend und nach heutigem Kenntnisstand nicht vererbbar.

Generalisiert: im gesamten Körper ausgebreitet
Myasthenia: Muskelschwäche
Gravis: schwer

Häufigkeit der Erkrankung

Die Prävalenz der gMG wird auf circa 100-200 Fälle pro 1 Millionen Einwohner geschätzt. Die Komplementerkrankung zählt damit zu den seltenen Erkrankungen („rare diseases“).

Erkrankungsalter

Die gMG kann in jedem Lebensalter auftreten. Frauen erkranken meist früher (ab dem 20. Lebensjahr) an gMG, bei Männern tritt die Erkrankung häufig erst ab dem 60. Lebensjahr auf. Eine Untersuchung wies ein medianes Auftretensalter von 55 Jahren (38–69 Jahre) für die Gesamtpopulation aus
Die therapierefaktäre MG* tritt hingegen häufiger in jüngerem Lebensalter auf (medianes Auftretensalter 36 Jahre, 28–51 Jahre).

Geschlecht

Bei der gMG sind Frauen 3-mal häufiger betroffen als Männer.

Video

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gMG im Fokus

Was genau ist die Myasthenia gravis und wie wird sie verursacht? Welche Möglichkeiten der Diagnose und Behandlung gibt es und wie äußert sich die Erkrankung beim Patienten?

Antworten auf diese Fragen und weitere Informationen erhalten Sie in diesem Video von Alex, unserem Experten für seltene Erkrankungen.

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Krankheitsverlauf

Was passiert bei gMG?

Bei der gMG kann das Krankheitsgeschehen in drei Schritte unterteilt werden:

  1. Die Blockade von Rezeptoren: Durch die Blockierung von Bindungsstellen, die die Schnittstelle zwischen der Nervenfaser und der Muskelzelle bilden, können Nervenimpulse nicht mehr an die Muskelzelle übermittelt werden. Verantwortlich für die Blockade sind spezielle Antikörper.
  2. Quervernetzung und Abbau von Rezeptoren: Acetylcholin-Antikörper docken an der Schnittstelle zum Muskel an die Rezeptoren an. Dies führt zur Vernetzung der Bindungsstellen und in weiterer Folge zu deren Abbau.
  3. Aktivierung des Komplementsystems: Die an die Rezeptoren angedockten Antikörper führen zu einer Aktivierung des Komplementsystems. In der Folge wird die Muskeloberfläche zerstört und die Reizleitung vom Nerv zum Muskel irreversibel unterbrochen.

Eine Störung der neuromuskulären Übertragung wird durch verschiedene Mechanismen verursacht:

Bei Patienten mit AChR-positiver gMG blockieren Antikörper die Bindungsstelle für das Acetylcholin am Acetylcholinrezeptor. Dadurch können Reize nicht mehr an die Muskeln weitergeleitet werden.

Acetylcholinrezeptor-Antikörper vernetzen Rezeptoren, was zu deren Abbau führt; dadurch reduziert sich die Anzahl der Rezeptoren auf der Zelloberfläche.

Das durch die Antikörper aktivierte Komplementsystem zerstört fälschlicherweise die Muskeloberfläche, wodurch dauerhaft die Nerv-Muskel-Kommunikation und Reizweiterleitung verhindert wird.

Klinisches Bild und Symptome

Klinisches Bild

Autoantikörper nachweisbar.

Der Nachweis von AChR-Antikörpern ist bei etwa 80 bis 90 % der Patienten mit einer gMG positiv. Bei bis zu 20 % der betroffenen lassen sich LRP4-Antikörper nachweisen.
In 8 % der Fälle ist ein Antikörper gegen die muskelspezifische Tyrosinkinase (Anti-MuSK+) nachweisbar. Bei 7 % der Patienten finden sich andere Antikörper.
Dank moderner Analytik können diese Antikörper spezifisch nachgewiesen und so ein wichtiger Hinweis auf das Vorliegen einer gMG gewonnen werden.

Klinisches Bild und Symptome

Symptome

Leitsymptom der gMG ist eine wechselnd ausgeprägte und belastungsabhängige Schwäche der Skelettmuskulatur.
Dies resultiert in folgenden Symptomen: 

Doppelbilder

Hängende Augenlider

Schwierigkeiten Sprechen/Kauen

Verschlucken/ Schluckbeschwerden

Kopfhalteschwäche

Atembeschwerden (Ruhe/körperlicher Belastung)

Ermüdung/Schwäche der Muskeln

In den meisten Fällen betrifft die Erkrankung zunächst die Augenmuskulatur, typische Anzeichen sind hängende Augenlider oder Doppelbilder. Die Symptome breiten sich anschließend oft in anderen Körperteilen aus und äußern sich beispielsweise in Schwierigkeiten beim Sprechen, Kauen und Schlucken, einer Schwäche der Nackenmuskulatur und Atembeschwerden.
Die unterschiedlichen Symptome können von Person zu Person unterschiedlich ausgeprägt sein und sich von Tag zu Tag oder von Stunde zu Stunde ändern. Häufig verschlechtern sich Symptome im Laufe des Tages und erschweren einfache tägliche Tätigkeiten wie Zähneputzen, Kämmen und Essen.
Treten die Symptome trotz Behandlung weiterhin auf, sprechen Fachkräfte von einer refraktären Myasthenia gravis.

Klinisches Bild und Symptome

Komplikationen

Exazerbationen:
Plötzliche Verschlechterung von Symptomen, die schnell und ohne Vorboten auftreten kann. Seltene Komplementerkrankungen werden in Akutsituationen oft nicht direkt erkannt, da die Symptome auf andere Krankheitsbilder hinweisen können und dies häufig zunächst zu Fehldiagnosen führt.

Myasthene Krise:
Komplikation im Rahmen der gMG; gekennzeichnet durch fortschreitende Muskelschwäche bis zur Atemschwäche. Dies kann eine Intubation und unterstützende Beatmung nötig machen.

Diagnose

Diagnose und Therapie

Diagnose der MG

Die Diagnose der MG baut unter anderem auf einer ausführlichen Anamnese auf. Auch wenn einzelne Symptome häufig erst mal unspezifisch wirken, so ergeben sich durch das Gesamtbild der Symptome wichtige klinische Hinweise auf eine mögliche MG.
Daneben werden in einer klinischen Untersuchung verschiedene Tests, die die Funktion und Aktivität der Muskeln prüfen, zur Diagnosestellung hinzugezogen. Zudem kann eine Kernspin- oder Computertomographie des Brustkorbes bei der Diagnosestellung hilfreich sein.
Über den Nachweis von für die Erkrankung spezifische Antikörper im Blut kann die MG-Diagnose bestätigt werden. AChR-Antikörper sind bei etwa 80-90 % der Patienten vorhanden.

Behandlung der MG

Die Myasthenia gravis ist prinzipiell eine gut therapierbare Erkrankung. Unter optimaler Standardtherapie erreichen ca. 85-90 % aller Patienten ein gutes Behandlungsergebnis. Je nach Schweregrad der Erkrankung, Geschlecht, Alter und Ausmaß der Beeinträchtigungen werden die Therapieziele individuell auf den Patienten und das entsprechende Krankheitsstadium angepasst.
Der Therapiestandard basiert auf zwei unterschiedlichen Ansätzen: Die symptomatische Therapie erfolgt mit Acetylcholinesteraseinhibitoren und der Immunsuppression mit verschiedenen Therapeutika. Acetylcholin wird durch das Enzym Acetylcholinesterase abgebaut. Wird das Enzym medikamentös gehemmt, wird der Abbau des Acetylcholins vermindert und es steht mehr Acetylcholin zur Verfügung. Dadurch wird die Signalübertragung an der neuromuskulären Endplatte verbessert.
Die immunsuppressive Therapie hat zum Ziel, die Immunreaktion zu unterdrücken und die Bildung von Antikörpern zu verhindern. Häufig werden Kortikosteroide in Kombination mit anderen Wirkstoffen eingesetzt.
Bei der refraktären Myasthenia gravis erfolgt eine Eskalationstherapie. Die Standardtherapie wird in der Regel mit anderen Wirkstoffgruppen und Ansätzen erweitert, um das Therapieergebnis bei diesen Patienten zu verbessern.

Leben mit mg

Auswirkungen auf den Alltag betroffener Patienten

Eine chronische Erkrankung wie die Myasthenia gravis wirkt sich entscheidend auf das Leben der betroffenen Personen und deren familiäres Umfeld aus. Der Alltag der Patienten muss an die entsprechenden Bedingungen angepasst werden. Bei der Mehrzahl der Betroffenen kann jedoch durch eine gute medizinische Behandlung eine Verringerung der Muskelschwäche erzielt werden, so dass trotz der schweren Erkrankung und damit einhergehender körperlicher Einschränkungen ein erfülltes Leben möglich ist und ein Beruf ausgeübt werden kann.
Wichtig ist, dass Myastheniker ihre eigenen Belastungsgrenzen erkennen und einschätzen können. Hilfreich im Berufsleben sind beispielsweise flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit, zumindest teilweise von zuhause aus arbeiten zu können. Hier empfiehlt sich ein offenes Gespräch mit dem Arbeitgeber, um entsprechende Maßnahmen einzuführen.
Ein häufiges Problem bei Myasthenia gravis ist eine Gewichtszunahme infolge nachlassender körperlicher Betätigung und der etwaigen Cortison-Behandlung. Empfehlungen für eine Ernährungsumstellung erhalten Patienten von ihrem behandelnden Arzt. Dieser kann auch hilfreiche Tipps geben, ob und welche moderaten sportlichen Aktivitäten möglich sind – sofern sich der Patient nicht zu schwach fühlt – um die Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden zu unterstützen.
Da bei Myasthenia gravis verschiedene Symptome in unterschiedlicher Ausprägung und wechselndem Ausmaß auftreten können, empfiehlt es sich, die Beschwerden in einem Symptomtagebuch zu dokumentieren. So lassen sich Veränderungen im Krankheitsverlauf schnell erkennen. Das erleichtert dem Arzt die individuelle Anpassung der therapeutischen Maßnahmen.
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Betroffene Berichten

Monikas Geschichte

Erfahren Sie hier mehr über Monikas Erkrankung Myasthenia gravis, wie es zu der Diagnose kam, über die Behandlung und wie es ihr heute geht.

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FAQ

FAQ

Wie ist die Lebenserwartung bei Myasthenia gravis? 

Myasthenia gravis Lebenserwartung

Mit einer effektiven Behandlung können die Symptome dieser chronischen Erkrankung reduziert und verbessert werden. Es gibt keine Hinweise, dass die Lebenserwartung von Patienten mit Myasthenia gravis, die therapeutisch stabil eingestellt sind,  eingeschränkt ist.  

Wie wirkt sich Myasthenia gravis auf die Arbeitsfähigkeit aus?

Myasthenia gravis Arbeitsfähigkeit

Ob Myasthenia gravis die Arbeitsfähigkeit einschränkt, hängt wesentlich von der Art und Schwere der Symptome ab. Patienten, bei denen die Therapie gut anschlägt, sind im Allgemeinen in der Lage, aktiv am Berufsleben teilzunehmen. Flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, können zudem den Arbeitsalltag für Myastheniker erleichtern. In manchen Fällen kann eine Frühberentung angezeigt sein.

Welche Symptome treten bei Myasthenia gravis an den Augen auf?

Myasthenia gravis Augen

Myasthenia gravis betrifft in den meisten Fällen zunächst die Augenmuskulatur (okuläre Myasthenia gravis). Bemerkbar macht sich das durch das Sehen von Doppelbildern oder das Herabhängen eines oder beider Augenlider. Die Muskelschwäche kann sich im weiteren Krankheitsverlauf auf andere Muskelgruppen ausbreiten, dann spricht man von der generalisierten Myasthenia gravis. 

Ist Myasthenia gravis erblich bedingt?

Ist Myasthenia gravis erblich?

Nach aktuellem Kenntnisstand wird die generalisierte Myasthenia gravis nicht vererbt. Ebenfalls ist die Erkrankung ist nicht ansteckend. In der Schwangerschaft können maternale Antikörper jedoch auf das Kind übertragen werden und dadurch nach der Geburt zu einer transienten Myasthenie beim Kind führen.

Ist Myasthenia gravis heilbar?

Ist Myasthenia gravis heilbar?

Myasthenia gravis ist ein chronisches Autoimmunleiden und daher nicht heilbar, die Erkrankung ist aber gut behandelbar. Bei etwa 85 bis 90 % der Patienten wird mithilfe von Standardtherapien ein gutes Behandlungsergebnis erzielt, die Betroffenen können ein Leben ohne größere Einschränkungen führen. Auch für die 10-15% der Patienten die nicht auf die Standardtherapien ansprechen gibt es dank aktueller Forschung und Entwicklung gute Theraphiealternativen.

 

Glossar

Glossar

Glossar

generalisiert im gesamten Körper ausgebreitet
Myasthenia Muskelschwäche
gravis schwer
neurologisch Die Neurologie bzw. das Nervensystem betreffend
Acetylcholin Molekül, das von Nervenzellen als Botenstoff freigesetzt wird und die Muskelzellen zur Kontraktion bringt
Immunsystem System im menschlichen Körper, das für Erkennung und Bekämpfung von Krankheitserregern verantwortlich ist
Antikörper Spezielle Proteine, die durch das Immunsystem produziert werden und die potentielle Bedrohungen im menschlichen Körper (z. B. Bakterien) erkennen und angreifen, um eine Schädigung zu verhindern. Durch die Markierung mit Antikörpern kann das Komplementsystem Krankheitserreger besser erkennen und bekämpfen.
Autoantikörper Antikörper, die durch das Immunsystem produziert werden und fälschlicherweise körpereigenes Gewebe angreifen
Komplementsystem Teil des Immunsystems, das Antikörpern und anderen Immunzellen dabei hilft, potenzielle Bedrohungen im menschlichen Körper zu bekämpfen und dadurch Schäden zu verhindern
Skelettmuskulatur Diejenigen Muskeln, die am Skelett fixiert sind, um für die Bewegung des Körpers zu sorgen
Epidemiologie Untersucht die Verteilung von Krankheiten in der Bevölkerung und die damit zusammenhängenden Variablen
Prävalenz Häufigkeit der Erkrankungen in einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt
neuromuskuläre Endplatte Der Ort, an dem sich Nerven und Muskeln treffen und der die entscheidende Rolle für die Nerv-Muskel-Kommunikation sowie Muskelfunktion spielt
Exazerbation Die deutliche Verschlimmerung der Symptome einer bereits bestehenden (chronischen) Erkrankung
Myasthene Krise Ein neurologischer Notfall, gekennzeichnet durch akute Atemnot und muskuläre Schwäche
Thymus Ein lymphatisches Organ, das für die Ausreifung der T-Lymphozyten verantwortlich ist
Immunsuppressiva Ein Arzneistoff zur Unterdrückung des Immunsystems
Kortikosteroide Steroidhormone, die in der Nebennierenrinde synthetisiert werden
Plasmapherese Entfernung der schädigenden Autoantikörper aus dem Blut

Referenzen:

1. Howard, James F. 2018. „Myasthenia Gravis: The Role of Complement at the Neuromuscular Junction: Role of Complement in Myasthenia Gravis“. Annals of the New York Academy of Sciences 1412(1):113–28. doi: 10.1111/nyas.13522.

2. National Institute of Neurological Disorders and Stroke. 2020. Myasthenia Gravis Fact Sheet.
http://www.ninds.nih.gov/disorders/myasthenia_gravis/detail_myasthenia_gravis.htm.

3. Sanders, Donald B., Gil I. Wolfe, Michael Benatar, Amelia Evoli, Nils E. Gilhus, Isabel Illa, Nancy Kuntz, Janice M. Massey, Arthur Melms, Hiroyuki Murai, Michael Nicolle, Jacqueline Palace, David P. Richman, Jan Verschuuren, und Pushpa Narayanaswami. 2016. „International Consensus Guidance for Management of Myasthenia Gravis: Executive Summary“. Neurology 87(4):419–25. doi: 10.1212/WNL.0000000000002790.

4. Sathasivam, Sivakumar. 2014. „Diagnosis and Management of Myasthenia Gravis: Review“. Progress in Neurology and Psychiatry 18(1):6–14. doi: 10.1002/pnp.315.

5. Suh J et al. Yale Journal of Biology and Medicine. 2013; 86: 255–260,

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